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Sarah Bahmou

FASSUNG 1, 30.06.2019

Sie ist jung, sie ist hübsch, sie hat genug Geld, sie hat viele Freunde, sie hat einen festen Freund, sie hat viele Follower. Und trotzdem, trotzdem ist sie nicht so glücklich. Solange sie unter Leuten ist, ist alles gut. Solange sie sich vor anderen genauso darstellen kann, wie sie gesehen werden will und nur genau so, ist alles gut. Doch wenn sie dann allein ist, völlig allein, ohne jegliche Möglichkeit sich vor sich selbst zu verstecken, dann ist nicht mehr alles gut. Ganz und gar nicht. 

Luzia. Sie ist 17 Jahre alt und geht in ein Gymnasium. Sie ist Einzelkind und ihre Mutter zieht sie als Alleinverdienerin auf, deshalb arbeitet sie sehr viel und hat nicht so viel Zeit für Luzia. Luzia ist sehr sozial, sie geht auf viele Partys, kennt sehr viele Leute und hat mehrere Freundeskreise. Ihre beste Freundin Josefine oder Josi kennt sie seit der Volksschule und geht bis jetzt mit ihr in die Klasse. Und Luzias Freund heißt Konstantin, sie sind seit ungefähr eineinhalb Jahren zusammen. 

Eines Abends auf der Geburtstagsfeier eines Freundes, lernt Luzia ein Mädchen kennen. Das Mädchen heißt Mara und Luzia findet sie unglaublich. Unglaublich schön, unglaublich sympathisch, unglaublich klug, unglaublich faszinierend. Die beiden trinken gemeinsam und reden Stunden lang miteinander. Luzia erzählt wie sie ihr Leben lebt und Mara wie sie ihres. Mara hat kein social media, auch kein Smartphone. Sie lebt schon lange nicht mehr bei ihren Eltern und hat die Schule abgebrochen, weil sie nicht an das System glaubt, sagt sie. Sie lebt jede Sekunde genauso wie sie es will. Sie reden über Kunst und Politik, über die Zukunft und den Tod, über alles, was sich Luzia vorstellen kann. Luzia ist zum ersten Mal seit langer Zeit völlig ehrlich zu jemandem und versucht nichts zu verbergen. Sie befindet sich in einem Rausch, aber einmal nicht von Alkohol oder Marihuana, sondern von ihr, dieser Unglaublichen. Mara hat Luzia berauscht. Ein Liebesrausch. Luzia ist verwirrt und zugleich überglücklich. Doch als sie, nachdem sie kurz jemand anderen begrüßt hat, zurückkommt, ist Mara weg. Luzia fragt jeden nach ihr, doch niemand weiß wirklich wer sie ist. Es hat auch niemand ihre Nummer und Instagram oder Facebook hat sie ja nicht. 

In der nächsten Zeit kann Luzia an nichts anderes denken, sie fragt nochmal bei allen Partygästen nach, ob sie Mara vielleicht doch kennen, sucht auf jeglichen Plattformen nach ihr, aber sie kennt ja nicht einmal ihren vollen Namen, geht an die Plätze Wiens von denen sie gesprochen hat, setzt sich in die Cafes von denen Mara geschwärmt hat, doch nichts. Keine Spur. Die Tage vergehen und Luzia verfällt in eine Art Depression. Sie stellt alles infrage. Ihr Sozialleben, ihre Gewohnheiten, ihre Schule, ihr social media-Verhalten, ihre Freunde und ihre Sexualität. 

Sie kapselt sich ab, sie sagt Treffen mit Freunden ab und macht sich keine mehr aus. Sie sieht kaum jemanden außer Josi und Konstantin außerhalb der Schule. Sie geht nur noch in den Unterricht um danach sofort in die Cafes und Museen zu flüchten, die sie durch Mara kennenlernte.

Als Josi Geburtstag hat, muss Luzia natürlich trotzdem auf ihre Party gehen. Luzia trinkt nichts und redet dort mit fast niemandem, bis sie Josi und Konstantin beim Schmusen erwischt. Für Luzia ist es als würde nun die Welt komplett einstürzen. Sie lässt sich weder von Josi noch von Konstantin irgendetwas erklären. Sie stürmt von der Party, nach Hause.

Ihre Mutter ist nicht zuhause. Sie sucht kurzerhand im Badezimmer nach Tabletten, irgendetwas womit sie sich umbringen kann. Ihre Hände zittern und sie kann kaum noch sehen vor Tränen. Sie bricht zusammen, weinend. Plötzlich kommt ihre Mutter herein. Luzia weint in ihren Armen weiter. Sie erzählt ihrer Mutter von allem und von Mara. 

Szene 

Im Badezimmer

zitternd und hektisch reißt Luzia Laden und Kästen auf und durchwühlt sie, plötzlich bricht sie schluchzend auf den Boden zusammen. Ihre Mutter kommt herein.

MUTTER(erschrocken): Luzia! Was… was ist passiert? Luzia! Luzia! 

Luzia antwortet nicht und kauert lautlos weinend auf den Fliesen

Die Mutter setzt sich neben sie und nimmt sie in den Arm

LUZIA: Josi und Konstantin. Die, die haben was. 

MUTTER: oh, scheiße. Das tut mir so leid, aber das ist kein Grund um…. Um auf solche Gedanken zu kommen, sich umbr…

LUZIA: (unterbricht sie) Nein, das ist nicht der Grund. (hält kurz inne) Mama, ich weiß nicht wer ich bin, ich weiß auch nicht wer ich sein will. 

MUTTER: (seufzt) Hey, ganz ruhig, das musst du auch nicht wissen, du bist 17. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich das  bei mir selbst beantworten kann. Aber was ich weiß ist, dass er hart ist, wenn die wahren Gesichter von Menschen, denen du vertraust, ans Licht kommen und sie nicht das sind, was du dachtest. Das ist härter als vieles andere. Es zeigt dir, wie du genau nicht sein willst. Und ich weiß auch, dass es dir jetzt nichts hilft, das alles zu hören, aber so etwas ist es, was dich wachsen lässt, was dich neue Wege finden lässt. 

Die Mutter umarmt Luiza noch fester

LUZIA: (mit brüchiger Stimme) Ich weiß nicht, was meine Gefühle sind. Ich hab ihn eh nicht mehr geliebt… oder nie. Und Josi lieb ich auch nicht mehr. Ich weiß nicht, was meine Gefühle sind, Mama.  Sind Gefühle überhaupt Gefühle, wenn ich sie nie mit jemandem geteilt habe? Mama, gibt es mich selbst überhaupt, wenn ich noch nie ich selbst vor jemandem anderen war? 

MUTTER: Luiza, du bist immer du. Und du bist auch schon oft du vor jemandem anderen gewesen. 

LUZIA: Ja, aber nur vor einer einzigen Person. Vor Mara.

MUTTER: Wer ist Mara?

LUZIA: (ruhig und leise) Ich weiß es nicht. Ich dachte für längere Zeit sie wär die Lösung für all meine Probleme, aber jetzt glaub ich, sie ist gleichzeitig  ihr Auslöser. Ich glaub, es gibt sie vielleicht gar nicht, also ich hab sie mir nur eingebildet, weil ich nicht mehr weiter wusste, weil ich nicht mehr gewusst hab wer ich bin und ich weiß es immer noch nicht, aber vielleicht ein Stück mehr. Und am schlimmsten ist, dass ich aber dachte, dass ich mich verliebt hab und jetzt gibt es sie gar nicht.

Die Mutter drückt Luiza ganz fest an ihre Brust

Szene Ende

Luzia schöpft neue Hoffnung löscht Instagram, findet andere Freunde in der Schule, die nicht ganz so beliebt und begehrt sind, aber dafür zu ihr stehen. Sie verbringt mehr Zeit mit ihrer Mutter.

Eines Nachts verabschiedet sie sich von zwei Freundinnen an der Nachtbushaltestelle und steigt ein. Als sie bei ihrer Station aussteigt und an der Ampel stehen bleibt während der Bus an ihr vorbei fährt sieht sie Mara darin sitzen. Sie sehen sich an und beide fangen an breit zu lächeln.

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