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FILMTHEORIE & FILMSPRACHE

9.   Die Handlung wird unterstützt durch die visuelle Erzählung der Bildelemente, die sich auf den drei Ebenen Vordergrund - Mittelgrund - Hintergrund abspielen. Das  ist ein Element, um die visuelle Spannung zu steigern, aber auch der Erzählung eine bestimmte "Färbung" zu geben. Es "passiert" alles innerhalb der Einstellung, des Bildrahmens, was von Bedeutung für die Handlung ist, ohne auf die Hilfe von Schnitten, also Nahaufnahmen oder Perspektivenwechsel zurückzugreifen. Die Zuseher*innen holen sich quasi selbst die Informationen aus dem Filmbild, die sie benötigen, um der Handlung und der Erzählung zu folgen. Man erkennt es nicht so gut, aber im Bett liegt die unglückliche und kranke Ehefrau von Citizen Kane. Im Hintergrund verschaffen sich Citizen Kane und eine weitere Person Zutritt zum Zimmer und im Vordergrund ist das Fläschchen mit "Medizin" zu erkennen. In Summe erkannt man den Zusammenhang der drei Erzählebenen. Kein Spoiler - Film anschauen! (Citizen Kane, 1941, R: Orson Welles)

PASSWORT: filmsprache

10.   Schärfentiefe: durch eine geringe Schärfentiefe wird das gewünschte Objekt (meist ein Gesicht) vom unscharfen Hintergrund abgesetzt und somit in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gesetzt. (Meist durch ein Teleobjektiv mit offener Blende). —> Aufmerksamkeitssteuerung. Klingt zwar selbsterklärend, aber das muss auch dann passend eingesetzt werden.  (Casino Royal, 2006, R: Martin Campbell)

11.   Eine weiter Form der Aufmerksamkeitssteuerung kann durch Farbe erzeugt werden: hier wird die gelbe Tasche betont, die sich durch die eher monochrome Bildumgebung abhebt. Im Kontext zur vorangegangenen Szene wird hier klar, wo das verschwundene Geld abgeblieben ist. Der Regisseur gibt uns einen farblichen Hinweis. (Marnie, 1964, R: Alfred Hitchcock) Es gibt in der Filmgeschichte auch zahlreiche Beispiele für stereotype Färbung der  Kleidung, z.B. die Cowboy-Hüte in Western: Böse = schwarz, gut = weiß​

12.   Die Bewegung der Kamera ist neben dem Schnitt und der Komposition des Filmbildes, bzw. der Elemente des Filmbildes, die stärkste Methoden der visuellen Aufmerksamkeitslenkung. Und vor allem der emotionalen Reiz-Steuerung. Es gib unterschiedliche Herangehensweisen, wie man die filmische Erzählung, die Handlungsstruktur in Bewegung versetzt: Innerhalb des statischen Filmbildes, oder mit bewegter Kamera, die die Zuseher*innen als stille Beobachter am Geschehen teilhaben lassen. Oder aber auch mit einer Strategie, die die Aufmerksamkeit bewusst auf die Kameraarbeit oder die Bewusstmachung des Mediums Film lenken.  (Amour, 2012, R: Michael Haneke/True Detektive, 2014, R: Nic Pizzolatto/Dancer in the Dark, 2000, R: Lars van Trier)

PASSWORT: filmsprache

13.  Eine besondere Form der bewegten Kamera ist die Langeinstellung, auch bekannt als die Plansequenz. Das ist im Prinzip eine ewig lange Einstellung, die das Gefühl vermittelt, man wäre ständig hautnah am Geschehen dran. Ohne Unterbrechung: Das mutet nach einer Zeit, also wenn die für die Zuseher*innen gewohnte Einstellung-Länge deutlich überschritten wird, also kein Schnitt im Film passiert, nach einem großen Aufwand an. Die Zuseher*innen, auch wenn sie es nicht bewusst erkennen, spüren sie dennoch, dass hier ein spektakulärer Aufwand bei der Umsetzung der Dreharbeiten betrieben wurde Wie hier in der Intro-Sequenz eines James Bond-Films; sehr spektakulär Massenszenen und Choreografien, aber mit versteckten Schnitten! Könnt Ihr die erkennen?, (Spectre, 2015, R: Sam Mendes). Das ist mittlerweile eine Methode um den populären Film aufzuwerten. Aber in den 1960er Jahren waren solche Langeinstellungen eine probates Mittel, um der Zensur in totalitären Regimes zu entgehen, oder zumindest der Versuch. Weil wenn jemand ständig im Bild ist und es gibt offensichtlich keine, oder nur wenige, Schnitte, dann kann man eine "unerwünschte" Figur nicht einfach hinaus schneiden. 

PASSWORT: filmsprache

13.  Die "devote" oder "autoritäre" Kameraperspektive. Die Höhe der Kameraposition im Verhältnis zu den Filmfiguren erzeugt eine erzählerische Hierarchie. Aus irgendeinem möglicherweise archaischen Grund fühlen wir, dass wenn uns jemand von oben herab anspricht oder behandelt, ein Gefühl der Unterdrückung. Komplementär dazu wirken Personen, auf die wir hinabblicken, schwächer oder hilfsbedürftiger. Allein aus der Betrachtungsperspektive heraus. Natürlich ist das ein banales Stereotyp, aber im Film funktioniert das meistens sehr gut. Unter(an)sicht (low angle) = unterdrückend, autoritär, dominant, etc.; Oberansicht (high angle) = unterwürfig, demütig, schwach, etc. ​ Im Filmbespiel ist das Klarerweise auf die Spitze getrieben, wie so vieles bei Quentin Tarantino. (Reservoir Dogs, 1992, R: Quentin Tarantino)

PASSWORT: filmsprache

Das war nur ein kleiner Überblick über das große Thema Filmtheorie und Filmsprache. Dazu gibt es unendlich viele Literatur und verschiedene Ansätze. Ich empfehle Euch ein Buch, an dem sich das hier beschriebene orientiert hat und das auch sehr leserlich und gut verständlich geschrieben ist: Christian Mikunda, Kino spüren. Strategien der emotionalen Filmgestaltung. Filmland Presse, München 1986

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